AUF UND ABGESANG, AUF- UND ABGESANG, AUF UND AB GESANG

von Bruni Sand

AUF UND ABGESANG, AUF- UND ABGESANG, AUF UND AB GESANG

Meine erste Idee war, einen Abgesang zu verfassen auf all die möglichen und unmöglichen Verirrungen meiner naiven Seele, meine Idealisierungen und Romantisierungen.

Wahrscheinlich wollte ich eher eine ABRECHNUNG verfassen, eine Abrechnung auch mit mir selbst.

Wie oft hatte ich als Mädchen schon, später als eine Junge, noch später als eine Ältere, jetzt als eine noch Ältere hinter den Männerwesen her geträumt, mich zu ihnen hingedacht, hin- und weggeschrieben, auf- und abgefühlt: hinter den Burschen vom Land, den unbedarften, hinterhergesehnt, oh, wie schön, wie klug, wie stark, wie anziehend, könnte ich ihnen doch näherkommen, immer ein innerer Dialog mit mir selbst, immer eine Projektion auf diese Wesen, angehimmelt, angepriesen von mir, heimlich, intensiv, hingebungsvoll, unbeantwortet, unerfüllt…

Wer waren diese Sehnsuchtsobjekte, wer war ich? Immer schon und immer wieder!

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Frost, frierend… jeux fixes edition

von Bruni Sand

Finger klamm
geschlossen um den Henkel des Kanisters
Heizöl holen
von der Tankstelle

die Hände wechseln beim Tragen
immer eisiger, immer klammer der Griff
abstellen, Reifluft ausatmen
rechte Seite, weiterkämpfen, linke Seite,

der kleine Kinderkörper wankt,
Schneematsch am Gehsteig,
noch weit bis zum Haustor
Handelskai 418

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ELEFTHERIA

von Rudolf Müller

FREIHEIT

Was bedeutet Freiheit, wenn wir doch in einer Demokratie leben?
Wir leben, machen was wir wollen, sind egoistisch, unsolidarisch, wir leben unser Leben, ohne groß auf die Bedürfnisse anderer einzugehen? Ich stelle diese Frage bewusst und beantworte sie mit einem eingeschränkten JA!

Wir fahren nach Griechenland und lassen uns die Sonne auf den Bauch scheinen, essen Souvlaki, trinken den süßen griechischen Wein, den wir auch noch blumig besingen und lassen uns mit Schiffen und Fischerbooten die Wellen durchpflügen – von einer Insel zur nächsten, wir fahren in die hintersten Winkel des Landes, wir durchwandern unzählige Schluchten, die wir ansonsten und woanders nie durchwandern würden, weil es anderswo viel zu heiß wäre für solch eine Expedition, nur in Griechenland tun wir das, es gehört zu unserem Repertoire eines erfüllten Griechenlandurlaubs.

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HARD DAY & BOILED BRAIN

von Rudolf Müller

Neuronitis vestibularis links rechts links rechts links rechts
U-Bahn Traum, U4 Längenfeldgasse Vienna Calling
Nierenkolik, Gallenkolik, Hirnkolig, Hard Day, Boiled Brain

Frau im roten Ledermantel, Mann mit Trauerflor und Steirerhut
tiefer Finger – der Planet ist längst am/im Arsch
Übelkeit, Betablocker Unverträglichkeit, besinnungslos das Leben
Schwarzfahrer werden sofort erschossen, kein Pardon am Damenklo

Türen öffnen, Einstieg in Richtung Höllenschlund
Rechts ist Platz, ein Platz für Zwei
Herr im Trauerflor, die Frau ist nackt und drall unterm Lederkleid

Die U-Bahn als Erotikshop, gratis laut und unverhohlen
Wie Übelkeit nach Doxybene

Schwarze Träumer werden abgeschoben
Mann mit Trauerflor und Steirerhut und Ständer
Rhythmus laut und Ledermantel rot und grell
Nebenplätze werden frei, Rhythmus, Reibung, Rhythmus, Reibung
mehr Profit, die Erotik unsres kalten Lebens!

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Meine Gefühle wie eine Partitur strukturieren

von Bruni Sand

Meine Gefühle wie eine Partitur strukturieren

Andante espressivo – leicht, etwas rasch, aber leicht

wir tanzen am Kopfsteinpflaster,
zählen den Takt,
lang-lang-kurz-kurz-laaang-laaang,
schwebend sollte es sein,
irgendwann dann,
nach einigen Monaten Tanzschule,
am Fleischmarkt,
wir stolpern dahin,
Schwedenplatz mit schwarzglänzendem Asphalt,
wir Gymnasiasten
immer auf der Heimfahrt haben wir
noch den Foxtrott im Ohr,
klamm waren sie, die Hände
des ungelenken Tanzpartners
im Saal, grell,
aber jetzt sind wir ja im Freien,
im Straßenlampenlicht,
wir hüpfen im nachhallenden Takt,
sidestep, Drehung, Ferse, Spitze,
schleifen, und wenn wir einander ganz kurz
nicht auf die Zehen steigen,
sind wir überschwänglich,
lachen, lachen,
nächste Straßenbahn vorbeifahren lassen,
die Wangen heiß,
die Novembernacht kalt,
wir spüren es nicht…

Allegro non troppo – etwas rasch, aber zart, dann mit Ausdruck

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Die Sonne brennt mir ins Gesicht

von Rudolf Müller

Die Sonne brennt mir ins Gesicht
Wie einst im Juli damals
das Jüngste Gericht
Dunkelheit – kein Licht, kein Licht

Nur das Vergessen
Heisser Schmerz verglüht das Meer
Ein Schimmer in den Wiesen
Und Dein Gesicht
Voll heller Strahlen Upside Down

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„Was war früher immer im Oktober?“

von Bruni Sand

Universität, Semester Anfang, das bedeutete

Beginn vor Aushangkästen stehen
Herbst Inskription
Luft Überforderung
Studentin sein Blackout
Straßenbahnfahren Luft im Kopf
Votivkirche Leselähmung
Votivpark nichts aufnehmen können
Anatomieinstitut sofort
Vorlesungssaal beim Anblick der
Sezierkittel Aushängetafeln
Selbstgeschneiderter Rock Blickstarre
breiter Gürtel mitschwimmen
Vintage Seidenbluse nicht dazugehören

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ALLMACHT

von Rudolf Müller / STUNK

Ich bin der Innenminister
Ich bin der Außenminister
Ich bin der Frauenminister
Ich bin der Kinderminister
Ich bin Kulturminister
Selbstverständlich bin ich Tierminister
Unmissverständlich Justizminister
Ich bin der schlanke Scharfmacher
Ich bin der flinke Scharfrichter
Ich bin der gütige Kanzler     Chor: Er ist der gütige Kanzler

Ich bin die Ordnung und das Gesetz
Ich bin das Gehirn des Volkes
Und wenn es mir nicht folgt, dieses Volk
Ja dann gibt es bald kein Volk mehr

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DIE KISTE

von Rudolf Müller / STUNK

Er kauert in einer dunklen Ecke
Zeit und Raum vergessen
Eine Tasse Tee
Vielleicht ein kurzes Gebet ins Leere
In seiner Ecke vertieft, verlassen
Es ging um dramatische Maßnahmen
Erotik, Existenz, die stummen Anderen
Einatmen, ausatmen
Die Begrenzung des Raums
Seine Augen geschlossen
In einer dunklen Ecke
Die geheimnisvolle Kiste

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HAPPY SUNDAY FEELING

von Bruni Sand

Meine Eltern hatten an manchen Sonntag Nachmittagen ein fröhlich – leichtes Lebensgefühl, ganz im Gegensatz zu den meisten glücklosen, weil überfordernden Alltagszeiträumen, in denen mein Vater müde war vor oder nach der Arbeit, enttäuscht von dem, was aus seinem vorfamiliären Junggesellenleben in der weiten Welt geworden war: Geldsorgen, Kinder, Perspektivlosigkeit… sein Leben wurde zu seinem unglücklichen Schicksal! Meine Mutter versuchte all das träumerisch-naiv zu übersehen, was sich als Katastrophe langsam anbahnte. So war es meist.

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Auftrittsangst, luftig und leicht

von Bruni Sand

ich war zehn Jahre alt, als ich Klavierspielen lernte
in einer Musikschule der Stadt Wien

Frau Professor Behar war zart und hart
schwarzes, kurz geschnittenes Haar
extrem kurz geschnittene Fingernägel
dünnrandige Brille,
ihre Klavierspielerfinger immer in Übungshaltung, immer am Anschlag gekrümmt
den Drill, dem sie offenbar in ihrer Ausbildung in Bulgarien ausgesetzt war
(sie war sicher eine Musterschülerin gewesen)
diesen unerbittlichen Drill gab sie eins zu eins, klopf, klopf, klopf
an uns Schüler weiter

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Das Griechenland unserer Seele

von Bruni Sand

Ich sehe verrostete Eimer, darin trockene, rissige rötlichbraune Erde, einige dürre Blütenreste, die Straße liegt brach unter der Sonne.

Auf meinem Weg zum Meer Steine, Felsspalten, flirrendes Blau.

In welche Gestalt gewandelt bin ich? Ich? Welches Ich?

Die Verwandlung erkenne ich immer mit Erschrockenheit, so radikal, so von dem innersten Inneren ausgestrahlt in meine Wahrnehmung. Ich werde ihrer gewahr, wahrhaftig wahr, die Schönheit der Seele, oder soll ich es Klarheit des Geistes nennen? Dieses reine und vollkommene Glücksgefühl, diese Seligkeit hat zugleich wieder meinen ganzen Körper erfasst: ich trage wieder weiße Gewänder und binde mir Tücher Turbangleich ins Haar, meine Haut bronzefarben und von feingoldenem Staub überzogen.

Ich atme Luft, ich bin die Luft, bin Thymian und Rosmarin, ich schaue den Himmel, das Blau, ich bin die Weite, ausgestreckt über mir, ich hebe den Stein, warm und glatt in meiner Hand, gewölbt, ich stehe mit Blick zum Horizont, oh Meer, oh Wind, oh Ferne, oh Zeit…oh du ewige und alte Zeit…

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Mein Nachsommer, immer schon

von Bruni Sand

Das Bild, das ich sehe: eine Kartenspielende Gesellschaft, an kleinen Tischchen sitzend, unter Bäumen, leichter Wind kommt auf, Blätter fallen langsam zu Boden.

Ich bin achtzehn Jahre alt, es ist September, der letzte Tag meiner Ferialpraxis als Kellnerin in der Meierei am Stadtpark. Ich stehe seitlich am Rande dieses Bildes, das sich mir schon in dem Augenblick des Gewahr Werdens als ewiges Standbild eingeprägt hat und zu einer meiner immer wiederkehrenden Erinnerungssequenzen wurde.

Die älteren Damen und Herren halten reglos ihre Karten in Händen, es ist ganz still, nur die Blätter fallen stetig, jede andere Bewegung scheint eingefroren.

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