Elfriede Jelinek hat ihrem Stück „Endsieg“, das von Trumps Wiederkehr handelt, eine Vorrede vorangestellt. Darin heißt es: „Das Ersatzklassenbewußtsein der Deklassierten ist der Faschismus, der letztlich staatsfeindlich ist. Er wächst überall und deckt alles zu, wie eine Schneedecke. Er überzieht alle Klassen. Wenn man sich nichts und niemand zugehörig fühlen kann, dann hat man immer noch einen morschen Patriotismus, der alles trügerisch vereint.“ Und sie fügt hinzu, in der ihr eigenen Ehrlichkeit: „Zum Endsieg, zum letzten Sieg, fehlt mir sogar ein Begriffssystem, in das ich es einordnen könnte. Der Text ist wie die Saiten einer Harfe, an denen jemand zupft, aber ich verstehe nicht mehr, was dahintersteckt oder wie es funktioniert.“
GEWISS UNGEWISS
Mit Auszügen aus einem vatikanischen Verschlussdokument. In Causa Brand Kirche Windeln & Hölle. ORATE ET MENTE ET PYROSIS (Beten um den Verstand – auch bei Sodbrennen)
Der Vorhang, ein roter Vorhang, dann noch ein Vorhang, ist da jemand zu Hause?
Kann mich jemand hören? Schrill ist der Schrei! Von woher kommt er, der Schrei?
Vom Haus da drüben? Vom Park daneben? Aus dem Kanal?
Ich fühle das schmerzliche Echo, von eben dort drüben, hinter mir streicht leiser Wind eine Melodie, der Nacken schmerzt. Ein roter Ballon am Himmel, unter mir leuchten die Sterne.
Das ICH und Herr oder Frau Niemand und die Vorstellung der Vorstellung, das wogende Meer, der leicht rieselnde Sand,
wer das Ich ist, von dem ich, ja ich, jetzt erzählen werde , wüsste hier auch niemand.
Auf der leuchtenden Reklametafel steht in blasser Schrift zu lesen: SCHREI ES AUS UND ATME ES WIEDER TIEF EIN, DU BIST NIEMAND.
Die Dunkelheit an diesem Ort ist so grell, wie das Licht aus einer weit zurückliegenden Fastenzeit. Hier ist es noch friedlich – Frank Zappa spielt mit Ozzy Karten. Brian Wilson malt gelangweilt Surfer-Parolen an die Wand. Der Cobain-Kurtl sing mit Janis Joplin, Syd Barrett und Falco Wienerlieder.
Wer, wenn nicht ICH werde jetzt alles zu erklären haben.
Stimme im Hintergrund: „Ihr werdet euch wundern“
Chor der Braunhemden mit dem Chor der Toten von Uban Thal: „Ihr werdet euch noch wundern, was es nicht alles gibt“
Extremer Gestank von Mundfäulnis verbreitet sich, macht euch auf das Ärgste gefasst!
„Wir fürchten uns nicht!“ – sagt Thomas Bernhard und kaut an seinen rostigen Zehennägeln.
Luzziffa Frankenblattl, ein alter Wegbegleiter, wird im Hintergrund gerade vom Papst zum Archivar des Utility Cosmick Research Kitchen gekrönt, eine weitere geheime Heiligsprechung in diesem Jahr.
Der nächste Raum: Gelber Vorhang, Brokatstoff, alte Ware, könnte von meiner Mutter sein.
Ich betrete nun den störanfälligen Artefakt meiner Gehirnströme, ja genau – den künstlich veränderten Zustand der Vergeblichkeit. Ich habe mich daran gewöhnt ein wesentliches Untersuchungsobjekt vor Gott zu sein. Gott, ein absonderlicher Zustandsbericht von Jerry Garcia im Jenseits. Seine noch immer exzentrischen Fingerübungen am Gitarrenbrett entlocken dem Karten spielenden Frank ein leises Lächeln.
Zappa pfeift das Riff von „Watermelon in Easter Hay“ und zieht den Rauch seiner Zigarette in die schwarzen, unbrauchbar gewordenen Lungenflügel – und Ozzy ist jetzt not amused, er wirft die Karten auf den Tisch, steht auf und zahlt.
Ich, John Ferguson, Mann Gottes, liege in meiner Koje und frage mich, ob sich das Niederbrennen der Kirche von Windeln wirklich ausgezahlt hat. Sinn, was ist schon SINN, ein Wort ohne Charisma, Tat ohne Reue, das Jenseits ohne Frauen oder Männer oder Zwischenwesen, keine Ahnung, ob das Sinn ergibt, ich hab‘s bis jetzt nicht begriffen.
Vom Geheimnis der Beichte habe ich mich selbst befreit – das Geheimnis ist ja nichts als ein Mantel des Misstrauens oder die Furcht vor Lemmys Lärmattacken, oder das Messer im Augapfel vom Andalusischen Hund, alles ziemlich lächerliche Schockmomente.
Im Gegensatz dazu die fürchterlichen, jedoch konkreten Wünsche der Beichtwütigen im fucking Sünden Beicht-Stuhl:
Oh gütiger Gott, vergib ihnen, aber du warst einverstanden mit Folter, Missbrauch, Vergewaltigung, Argwohn, Missgunst, Neid, Hass und Angst – Angst ist überhaupt der häufigste Grund des Gebets dieser Narzissten Glaubensgemeinschaft Menschheit:
Oh gütiger Gott – sie haben Angst, Angst, Angst – um die Aktienkursschwankungen, das Schmelzen der Investmentpakete, das Versinken der Sparzinsen, schlechtes Gewissen nach dem lächerlichen Masturbieren nach Dividendenausschüttungen, Angst ums Erbe,
Oh gütiger Gott, sie beten für alles, was sie in ihrer erbärmlichen Lebensunzucht noch anrichten werden oder schon angerichtet haben, sie schreien förmlich andauern um Vergebung, bitte, lieber gütiger Gott verschone mich vor der Inflation meines lächerlichen Lebens, was immer das bedeuten kann, auch wenn es noch so vertrottelt ist – „ich bete alles, was du mir aufgibst oh gütiger Pater, soll ich mich morgen im Bußkleid, in Hingabe, in Wolllust (die nächste Sünde!) unterwerfen, soll ich weiter im Kirchenchor die Lippen bewegen und meine Frömmigkeit beweisen, soll ich eine Kerze für jede meiner Sünden spenden?
Ich habe bei Amazon bereits eine Wagenladung Kerzen bestellt, mit den brutalsten Leidensbildnissen Christi
Oh gütiger Gott, soll ich meine Gedanken und Taten vielleicht aufschreiben, psycho-seminarisch aufarbeiten, oder darf ich sie aufschieben bis zum Jüngsten Gericht, ich Lukretia, ich Autoria, ich Astridia, ich Victor, ich Unna, ich Ozzy – da muss wohl ein Irrtum der KI vorliegen – ich Graf Balser von Tannenlob, Herrscher über Windeln und Begleiter der Toten von Uban Thal, ich beuge mich zu dir, oh gütiger weiser Herr Luzziffa Frankenblatt, ich entblöße meinen Leib – er sei DEIN! Oh! Leibhaftiger!
Und da war noch dieser SHORT von Lackerfurt, frisch gescheiteltes Schwarzhaar, Top Slim Schlimm Anzug Marke Thiel Ltd. Mit eingebautem Kühlsystem, seine Gebete, unerträglich „bitte mein lieber Gott mach mein Gesicht noch lieber, lieblicher, so allerliebst, dass mich alle lieben, auch die mich jetzt gerade fürchten, ich möchte irgendwann, aber schon bald, die einzige Aktie am Markt sein, Ihr Name, so du es zulässt : Allmacht Kaviar!
Oh Herr, hilf mir die Subprime Idylle in Meidling zu verlassen, hilf mir den Heilige Kral zu finden, aber das alles wird nicht genug sein, ich will SHARE SUPREME sein, König der Welt, oh auch evangel-fäkalisch-klärikaler Kirchenfürst, unsterblich will ich dann die Früchte meines Lebens genießen, und sei es vorübergehend auch nur im Cryo-Tank – in Vorbereitung auf ein ewiges Leben.
Die mir holden Buben sollen mich mit ihren Dick-Pics überschütten, ja, ich bin geschaffen für den Thron, den Ozzy jetzt verlassen hat, ich werde die Kinder des Elysiums ins neue Jerusalem geleiten, in die Wollust ungehemmter Aktienstürme!“.
„Dann wird mein ICH erstrahlen, ich wärme, ich zeuge, ich vermehre, ich, ICH oh, welch schönes ICH ich doch sein werde, ein wahrlich göttliches ICH SUPREME …..
Wieder wird ein Vorhang zugezogen, es riecht nach Pornokino
Szenenwechsel – Hölle, HELL (welch nette Doppelbedeutung!), Luxustrakt …..
Plötzlich taucht ein älterer dümmlich aussehender Kappenmann auf, Zappa runzelt die Stirn, Ozzy setzt sich sein Monokel auf, bei genauerer Betrachtung sieht dieses Kappen-Geschöpf wie ein Monster-Clown aus, tatsächlich ist es aber der leibhaftige Präsident Marke USA 2025, doch was macht er hier, wie ist er nur hier im schummrigen Nebenzimmer der Hölle gelandet, hatte er genug von seinen Irrtümern? War es ein Attentat, war es ein freiwilliger Abgang durch Einsicht oder doch nur eines dieser Quanten-Experimente einiger Verrückter am M.I.T. oder ist die Theorie der Weltenvielfalt doch wahr, aber was heißt schon WAHR, ist er in Wirklichkeit nur auf seinen Irrwegen auf Stimmenfang und Deal-Making falsch abgebogen und dabei in der Hölle gelandet?
Vermutungen, Mutmaßungen, Ahnungen, Halluzinationen ….. Zappa schaltet genervt das Licht ab, der Kappenmann stolpert, stößt einen fürchterlichen Schrei aus und Ozzy stimmt leise PARANOID an …… man hört Grunzlaute aus dem Kanal ….
Roter Samtvorhang, dahinter permanent Schreie, eigentlich Gebrüll …. Kommt das von der Kläranlage, kann ja nicht sein, oder? Jedenfalls riecht es hier erbärmlich ….
….. später dann, ja meine Nachsicht hatte auch ein Ende, wurde es mir wirklich zu blöd und der Stuhl musste brennen, das Dach, das Schiff, das Kreuz, der Altar, die Sakramente, die Ration Priesterpräservative mit Minzgeschmack, die Hostienberge ….. hinweg … hinweg ….. alles musste ein Ende haben …..
Epilog:
…. der Kirchenchor singt noch lange im lodernden Feuer feurig und so schön und so schmerzhaft brüllend habe ich den Chor noch nie singen gehört … der Nachklang aus dem Jenseits ist aber nichts für zarte Seelen ….. und über all dem thronen die von Unna Brosche gespielten majestätischen Orgelklänge, berauschend und grell ….. im Donnergrollen des nahenden Unwetters stürzt die Kirche in sich zusammen und mit ihr verschwinden die Geschichten ….. Windeln versinkt in den Abgründen der Hölle ….
Nach dem Epilog, nahe Zukunft:
….. Wahlplakate werden entrollt mit dem Konterfei von Short von Lackerfurt …. Sein unverschämter Wahl-Slogan lautet diesmal: Nur mit MIR seid IHR das VOLK SUPREME
Viiiiiiiiel, viiiiieeel später dann:
…… ich erwache in der Sakristei, mir ist schlecht vom Weihrauch, die nackten Frauen, die abgebrannten Kerzen, Sektflaschen am Boden, ich bin wieder zuhause … in Windeln