Gedanken zu leben, schlafen, tot sein, verlassen, wiederbeleben
ausgelöst durch die Probe zu Sonanzen und immer noch und wieder durch das Räumen der elterlichen Wohnung
Wenn der Bewohner, die Bewohnerin nicht mehr in seiner, in ihrer Wohnung, die man räumen muss, ist – also nicht mehr dort lebt -, verwandelt sich dieser ursprünglich mit dem Bewohner belebte Ort sehr schnell, eigentlich schon nach wenigen Tagen in einen leeren Ort. Der leere Ort ist mehr als der verlassene Ort. Er ist sich selbst überlassen worden und weiß nichts mehr über sich.
Die üblichen Gerüche und Luftschwingungen verschwinden, die Gerüche nach Essen, nach Kaffee, nach der Person selbst auch, die belebte Luft weicht einer staubig-modrigen Dichtheit, man muss beim Betreten dieses leeren Ortes sofort die Fenster öffnen und lüften.
Die plötzliche Fremdheit hat etwas Erschreckendes und Bedrückendes und man beginnt dann schnell mit einer gewissen Geschäftigkeit dem eigentlichen Zweck des Aufsuchens der Wohnung zu beginnen. Die Wohnung muss leergeräumt werden. Aber sie ist ja schon leer und gleichzeitig vollgefüllt.
Wenn man eine Wohnung räumt, nimmt man unendlich viele Dinge in die Hände, begutachtet sie, entscheidet, was damit zu geschehen sei, man steht einer „Dingflut“ gegenüber eigentlich, vor allem, wenn sich die Wohnung über Jahrzehnte füllte mit Dingen.
Die alten Dingen sind meist, weil oft schon lange nicht mehr verwendet, in Ecken, hinter einem Sofa, in einem Abstellbereich des Arbeitszimmers, hinten in einer Kommode, in einer Lade, in einem Schrank abgelegt, abgestellt.
Dort warten sie, still und unbewegt.
Bis… ja bis vielleicht jemand kommt, der sie zu den Händen nimmt, in die Hände nimmt und dann wird die ihnen innewohnende Magie, ihre magische Eigenschaft, nämlich Geschichten zu erzählen, wieder lebendig oder überhaupt erst lebendig…
Solange die Dinge als Gegenstände verwendet oder gebraucht wurden, war das ihre vordringliche Aufgabe, eben verwendet zu werden, was sich um sie herum oder mit ihnen abspielte, war sozusagen einfach ihre Umgebung in ihrem natürlichen Habitat: Gebrauchsgegenstände zu sein.
Erst durch das Vergessen werden, abgelegt werden, ruhen die Dinge, anscheinend unlebendig.
Aber die Geschichten der Jahre sind in ihnen abgespeichert und warten gleichsam darauf, einmal vielleicht wieder zum Leben erweckt zu werden (wie z.B. der Flaschengeist in Aladins Lampe, der durch das Putzen, also Berühren und Reiben der Lampe zum Leben erweckt wird).
Diese Dinge sind dann mehr als nur abgelegte, vergessene Gebrauchsgegenstände, sie werden zu musealen Relikten, fast Reliquien und sind Zeugnisse einer ihnen innewohnenden Poesie und erzählerischen Kraft.
Wenn man ihnen zuhört, beginnt eine Szene zu leuchten, alles kann gesehen werden, alles ist wieder lebendig…
Was macht das Lebendige zum Lebendigen, was macht den Unterschied?
Was ist das Unlebendige, das Unbelebte, was ist tot?
Was schläft nur, was ist verzaubert?
In welchen unbewusst choreographierten Handlungen (auch Alltagshandlungen) ist ein Zwischenmodus, eine Art der Bewegung, auch Eigenbewegung zwischen Leben und Schlafen und tot sein, zu finden, eine Art Hypnose, Selbsthypnose:
im immer gleichen Bügeln, im immer gleichen Tanzen, im immer gleichen Wäsche waschen, im wiederkehrenden Verrichten der Tätigkeiten ist das Hypnotisch – Magische das Beruhigende und Verzückende, dem man sich hingibt.
Wir alle und auch unsere Dinge, wir sind Schlafende, Lebende, Lebendige und Tote. Wir alle, Menschen und Dinge, erzählen davon.