Die kleinen und großen Ausflüge in die Welt hinaus wurden oft eingeleitet mit den von meiner Mutter in fröhlicher Tonart gesungenen Sätzen: „Kinder, wir machen heute einen Ausflug! Aufstehen! Anziehen! Macht euch fertig!“
Je nachdem, ob wir in das Wien umgebende Alpenvorland zum Wandern fuhren, zum Beispiel zur Hohen Wand, zum Schneeberg, zum Sonnwendstein, zum Türkensturz oder ob wir einen Sonntagsausflug in Wien planten, wurden die entsprechenden Proviantvorräte und Bekleidungsstücke gewählt.
Wandern bedeutete: mein Vater nahm vom Wanderstock bis Ferngucker und Klappmesser verschiedenste für jeden nur erdenklichen Notfall nötigen Utensilien in seinem dann voll bepackten Rucksack mit. Die ganze Familie war professionell ausgerüstet mit festem Schuhwerk, Westen, Tücherln, Regenzeug, Proviantdosen und alles wurde von meinem Vater ausgeklügelt in unseren VW-Käfer eingeräumt, es folgte alles einem genauen Plan.
Oft war mein Vater nach dem Verstauen bereits das erste Mal Schweißgebadet und zum ersten Wanderhemden- und Unterleiberlwechsel bereit, meine Mutter frottierte ihm mit einem Handtuch den klatschnassen Rücken trocken, dann waren wir fürs erste Abfahrbereit!
Wenn die Anfangsvorbereitungen meinen Vater zu sehr erschöpft hatten oder er sich in eine Rage geredet hatte, weil wir Kinder nicht folgsam genug seinen Anweisungen gefolgt waren, konnte es vorkommen, dass der ganze schöne Ausflug abgeblasen wurde.
Meine Mutter ging dann nach kurzer Verzweiflung mit uns Kindern in den winzig kleinen Schrebergarten, den wir in zehn Minuten Gehweite von unserer Wohnung am Handelskai bei der Straßenbahnendstation Stadlauerbrücke hatten.
Wir stellten dann im Gartengras den kleinen Tisch und die Sessel auf und verspeisten die Bergsteigerwurst, die harten Eier, den Käse und das Brot unter dem Fliederbusch bei der Gartenhütte.
Ich liebte den kalten, schon fertig gemischten, sehr stark gezuckerten Kaffee aus der Thermoskanne und den Kirschenkuchen meiner Mutter dazu.
Meine Schwester und ich setzten uns in den Fliederbusch und spielten Prinzessinnen in ihrem Schloss, meine Mutter jätete Unkraut, dann holten wir Wasser vom Brunnen der Nachbarin und gossen die trockene Erde und den kleinen Rasenfleck. Tag gerettet!
Sonntagsausflüge in Wien führten uns in den Prater oder in das neu eröffnetet WIG-Gelände im Donaupark. Die WIG, wie die Wiener sagten, war modern und toll angelegt, überall seltene, betörend duftende Rosenarten, terrassenartig angelegte Pflanzenbeete, Wasserbecken mit Springbrunnen, ein an eine super stylisch gestaltete Mosaikwand gebautes Café, das war alles schick, sixties style und unsere ganze Familie war dazu passend gekleidet: mein Vater in leichtem Sommeranzug, meine Mutter im türkisfarbenen Kostüm im Häkellook und Schmetterlingssonnenbrille, wir Kinder in Sommerkleidchen mit buntem Schlüsselmuster.
An einem Feiertag, ich glaube, es war ein Muttertag, machte meine Mutter mit uns allein einen denkwürdigen Ausflug.
Mein Vater musste an diesem Tag arbeiten und es war so eine spontane Idee meiner Mutter, mit uns Kindern in den Donaupark zu fahren. Sie buk noch schnell ihren berühmten Kirschenkuchen, wir zogen uns hübsch an und dann brachen wir ohne große Vorbereitungen mit der Straßenbahn auf.
Es war ein ungewöhnlich heißer Tag. Anfangs war es strahlend sonnig und klar die Luft, meine Schwester und ich liefen zu den riesigen Rutschen und erprobten all die verschiedenen Geräte auf dem neu erbauten Spielplatz: große Holzrollen, auf denen man, wenn man sich an den Seitenstützen anhielt, laufen konnte, ziemlich tricky, dann gab es Indianerzelte aus bunten Metallstangen, also Tipis, auf denen man bis zum Spitz hinaufklettern konnte, da war meine Schwester immer viel mutiger als ich, Drehkarusselle, Wippen, Schaukeln und mit den Rollschuhen konnte man wunderbar auf den neuen glatten Asphaltwegen dahinflitzen.
Irgendwann bekamen wir Hunger und vor allem Durst. Wir verspeisten den Kirschenkuchen, jede einzelne Kirsche war so herrlich saftig im Teig, wir zuzelten sie richtiggehend aus, denn meine Mutter hatte vergessen, ein Getränk mitzunehmen und da, wo wir gerade waren, gab es kein Wasser.
Dann, als wir gerade zum Café aufbrechen wollten, bemerkte meine Mutter zu ihrem großen Schreck, dass auch ihr Geldbörsel leer war, gerade das Geld für die Fahrscheine zum Heimfahren hatte sie dabei!
Der Rückweg bis zum Ausgang und dann bis zur Straßenbahnhaltestelle war wie ein Marsch durch die Wüste Gobi. Es war inzwischen schwül geworden, der Asphalt der Wege strahlte die Hitze doppelt zurück. Gewitterwolken türmten sich auf.
Wir Kinder waren verschwitzt und müde und durstig, so durstig!
Ich war in meinem Leben nie wieder so durstig!
Bei der Haltestelle gab es einen kleinen Kiosk. Meine Mutter fragte, was sie denn für 50 Groschen bekommen könnte, und schließlich sagte der Verkäufer, ein Achterl Soda wäre möglich. Dieses Glas Soda teilten wir uns dann zu dritt, jeder behielt den Schluck ganz lange im Mund, um die Flüssigkeit noch ganz auszukosten, das perlende Sodawasser, der ausgetrocknete Mund, meine Mutter mit dem leeren Geldbörsel, unsere tapfere Durstgemeinschaft. „Kinder, das schaffen wir noch bis nach Hause!“
So erkenne ich auch die unterschiedliche Herangehensweise meiner Eltern an ein Vorhaben: mein Vater plante alles genau, mise en place war der Schlüssel, alles genau an seinem Platz, und wenn ihn das zu sehr überforderte, alle Eventualitäten miteinzuberechnen, auf alles vorbereitet zu sein, dann machte er lieber gar nichts mehr. Meine Mutter sprang von einer Spontanidee zur nächsten, wenn irgendwas nicht klappte, brachte sie das nicht groß in Verzweiflung, sie improvisierte sich weiter im Festhalten daran, dass es gut ist, auch wenn es schon wirklich gar nicht mehr gut war.
Das Leben, ein Ausflug!!