Wer war ich, die Erfinderin ganzer Epen, in denen meine Helden mit gesenktem Blick ihr flehendes Herz ebenso befragten wie ich: „Leise flehen meine Lieder durch die Nacht zu dir…“, ich liebte Schubert dafür so sehr, diesen Liebesschmerz so weh und süß ausgedrückt zu haben, oh hätte ich nur damals gelebt. In der falschen Zeit geboren, dachte ich oft, wenn ich erkannte, dass außer mir niemand so gefühlsduselig und dusselig war: nicht meine Schwester, die schon früh erkannte, dass sich Burschen in Landdiscos über meine verschraubten Sätze und mein intellektuelles Gerede hinter meinem Rücken lustig machten, nicht meine Schulkolleginnen, ich kannte niemanden, der so aussichtslos schmachtete wie ich.
Studenten, Ärzte, Künstler, Philosophen, Holzhacker, Maurer, Kellner, Maler, Friseure, Abgehängte, Unglückliche, Existentialisten, Verrückte, wo auch immer ich ein Körnchen Weltschmerz, Einsamkeit, Individualismus, Poesie, Herzensreinheit vermutete, war ich in der Falle. In der Falle meiner eigenen Herz-Schmerzlyrik gefangen, in der Parallelwelt meiner Leidenschaftsfiktionen, schwebte ich trunken durch die reale Welt: ich liebe, ich vergehe, ich verliebe mich, ich schreibe und träume und suche dieses Gegenüber, das sich mit mir austauschen möchte, von Herz zu Herz, von Geist zu Geist, wir erkennen einander im Innersten, im Seienden, im Wesenskern, im Schöpferischen, ja im schöpferischen Akt.
Wenn man das lange genug praktiziert mit immer der gleichen Erfahrung, dass man was anderes bekommt als man gedacht hat, kann man damit auch schlussendlich aufhören.
Allein der Titel AUF UND AGBESANG hat mich befreit und glücklich gemacht, weil er all das, wovon ich mich befreit habe, in sich als Möglichkeit und Affirmation beinhaltet.
Yeah!
Unser Sind wir auf Sendung IX war intensiv und schön, AUF UND AGBESANG hat alle Mitwirkenden inspiriert, die Beiträge waren cool, schön, interessant, traurig, witzig, anklagend, surreal, provokant, berührend… schaut euch das von Dana Kindl wieder wundervoll gestaltete Magazin an, lest, träumt, erwacht…
Ich habe all das, was ich jetzt zur Einleitung geschrieben habe in meinem Beitrag eben nicht geschrieben, weil ich plötzlich die Wohnung meiner Eltern räumen musste, meine Mutter in ein Heim übersiedelte und ich durch die Konfrontation mit all den Gegenständen in dieser elterlichen Wohnung erkannte, dass ich biographische Miniaturen entwickeln möchte, jeweils durch gewisse Gegenstände getriggert.
So war ich ganz berührt und dankbar, dass Dana diesmal einen Text schrieb, der viel von meinem eigenen intendierten Abgesang ausgedrückt hat.
Genug auf-und abgesungen!
Viel Freude beim Durchblättern und Lesen des Magazins zu AUF UND ABGESANG (Erscheinungsdatum 2025)
Bruni Sand, Jänner 2025